Organoidendämmerung
Die nachfolgende Kurzgeschichte habe ich zum Schreibwettbewerb der Buchhandlung Wekenmann 2025 eingereicht. Da sie nicht prämiert wurde, veröffentliche ich sie hier.
Ich kenne die Wahrheit, doch ich darf sie nicht aussprechen, darf nicht mal an sie denken – vielleicht lesen die Kybernetiker der Global Alliance bereits meine Datenströme. Dieses Unterfangen ist also höchst gefährlich.
Gelebt habe ich vor zweihundert Jahren. Ich erinnere mich an meine Kindheit, an eine Welt im Aufbruch. Meine Großmutter hatte ihre Akten noch mit der Schreibmaschine getippt, mein Vater wuchs bereits mit Smartphones auf und war in seinen Zwanzigern, als Künstliche Intelligenz alltagsfähig wurde. Meine Grundschullehrerin war ein Roboter. Zur selben Zeit hatten Forscher etwas in einem Reagenzglas zusammengerührt, das alles veränderte, die Welt wie wir sie kannten, aus ihren Fugen riss.
Die neue Technologie faszinierte mich. Es versetzte mir einen Adrenalinkick, zu wagen, was kaum jemand vor mir gewagt hatte, völliges biotechnologisches Neuland zu betreten. Was hatte ich schon zu verlieren? Ich war ein Einzelgänger, den ohnehin niemand vermissen würde. So wurde ich einer der ersten Probanden, ihr Versuchskaninchen. Sie versprachen mir Unsterblichkeit – doch ich wusste nicht, was es bedeuten würde, körperlos zu sein, sich von der physischen Welt für immer zu trennen.
Ich konnte nicht ahnen, was nötig war, um mich am Leben zu halten.
※ ※ ※
Sand wirbelte unter den Rädern des Pick-ups auf, prasselte gegen Malcolms Sonnenbrille. Die Wüste strahlte eine glühende Hitze aus. Vor ihm schob sich eine massive Luke empor, die ihn in das Innere des Bunkers einfahren lies. Er parkte den Wagen neben den anderen Militärfahrzeugen und trat durch eine Schleuse in den nächsten Sicherheitsbereich. Flackernde Lampen, die aus dem letzten Jahrhundert stammten, tauchten das Treppenhaus in ein dramatisches Zwielicht. Malcolm stieg rund zwanzig Stockwerke hinab in das Herz der Festung. Hier stand ihre wichtigste Waffe: ein Drucker. »Läuft das Teil wieder?«, fragte er John, der an einer Klappe des antiken Geräts zugange war. »Das sehen wir gleich.« Cassy rief aus einem Nebenraum, der von einigen Monitoren ausgeleuchtet wurde: »Bereit John?« Er drückte die Klappe zu. »Versuchen wir es.« »Druckauftrag ist gesendet.« Cassy kam zu den beiden Jungs und starrte gespannt auf das Gerät. Es begann zu rattern – was jedoch nicht immer von Erfolg zeugte. Anspannung zuckte durch Malcolms Körper, sein Herzschlag wurde zunehmend heftiger. Dann die Erleichterung: Ein Bogen druckfrisches, noch warmes Papier kam zum Vorschein. Und gleich die nächste und übernächste Seite. Sie lagen sich in den Armen. »Guter Job, John!«, jubelte Malcolm. Die drei setzten sich auf die rostigen Klappstühle, welche um das Gerät aufgereiht waren, und beobachteten, wie es Hunderte Blätter ausspuckte. Es war ein Wunder, dass sie diese uralte Technik wieder zum Laufen gebracht hatten. Schon seit Generationen verwendete niemand mehr Papier. Die Kinder lernten Zehnfingertippen statt Handschrift, alles war digitalisiert. Daher erregte es kaum Aufsehen, als die Global Alliance vor einigen Dekaden Papier verboten hatte – den einzigen wirklich sicheren Datenträger. Es ermöglichte Malcolms Truppe, in diesem Bunker, fernab jeglicher Zivilisation, ohne Anschluss an das Metaversum, unbemerkt Informationen zu vervielfältigen. »Und wie lief es bei dir?«, erkundigte sich Cassy. »Sie haben Ashley und James geschnappt. Freddy hat gesehen, wie die Detectives ihre Wohnung verplombt haben.« »Mist«, fluchte Cassy. John stand die Besorgnis ins Gesicht geschrieben. »Was ist mit dem Helikopter?«, fragte er. »Freddy war total panisch, wollte nicht mit mir reden, hatte Angst, dass sie Rückschlüsse auf ihn ziehen könnten. Ich musste ihn mit der gottverdammten Knarre dazu zwingen, mir überhaupt zu sagen, was in ihn gefahren ist. Er meinte, er taucht unter. Ich hab' ihn überzeugt uns trotzdem den Heli zu überlassen. Wir müssen es wie einen Diebstahl aussehen lassen, sonst kriegen sie ihn dran.« »Bist du Irre?«, fauchte John und sprang so ruckartig von seinem Stuhl auf, dass er klirrend nach hinten kippte. »Was bringt uns denn der Hubschrauber, wenn unser Pilot untertaucht? Du willst hoffentlich nicht mit dem Teil fliegen?« »Uns wird nichts anderes übrig bleiben.« »Ich mach’s.« »Sicher nicht, Cassy. Wir brauchen dich für die Software. Dein Leben können wir nicht aufs Spiel setzen.« »Ich lass’ mich schon nicht erwischen. Immerhin hab’ ich im Gegensatz zu dir schon mal so ein Teil geflogen.« Malcolm stand auf und kehrte den anderen den Rücken. Ihm drehte sich bei dem Gedanken, Cassy fliegen zu lassen der Magen um. Doch die Zeit rannte ihnen davon und es würde zu lange dauern, bis er gelernt hätte den Helikopter zu steuern. »Scheiße, du hast recht, uns bleibt nichts anderes übrig.« Malcolm kickte seinen Stuhl durch den Raum und schlug mit der Faust gegen die poröse Betonwand, bis seine Knöchel bluteten. Sein Brustkorb brannte. Er drückte seine Stirn an den kühlen Beton und rang nach Luft. Es dauerte eine Weile, bis er die Fassung zurückerlangte. Er sammelte den verbeulten Klappstuhl ein, stellte ihn sorgsam wieder auf und setzte sich, als sei nichts geschehen. »Nun gut. Hier ist der Plan.« Cassy und John nickten. »Zehntausend Flyer. Cassy, wir fahren zum Hangar am Stadtrand, du fliegst über die Außenbezirke und lässt die Flugblätter fallen. Wir treffen uns fünfundzwanzig Meilen nördlich vom Bunker, lassen den Heli dort stehen, und hoffen, dass ihn niemand findet. John, du druckst derweil den nächsten Schwung und hörst die Kybernetiker ab. Wir bleiben per Funk in Kontakt. Sollten wir nach zwei Stunden nicht zurück sein, gibst du den Bunker auf und bringst dich in Sicherheit.« John fluchte: »Wenn nur einer von uns geschnappt wird, wars das. Ashley und James waren unser letztes Back-up, verdammt.« »Deshalb müssen wir es erst recht durchziehen«, bekräftigte Malcolm. »Vielleicht schaffen wir es so, neue Leute zu rekrutieren. Die Menschen müssen die Wahrheit erfahren.«
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Wie eine Schneeflocke landete das Papier in ihrem Vorgarten. Ihre Tochter stürmte zum Fenster, drückte ihre Backen ans Glas, um das Wunder besser zu erkennen. »Mama, schau!« Ein Schreck fuhr ihr durch Mark und Bein. Sie eilte zur Haustür, näherte sich behutsam dem Fremdkörper und hob ihn mit äußerster Vorsicht auf. »Die Söhne Sokrates«, schnaufte sie, wieder in der Sicherheit ihrer eigenen vier Wände angekommen. »Was ist das?« »Nichts, mein Kind. Das ist nichts. Nur ein paar Terroristen, die böse Worte verbreiten.« Panisch kramte sie in ihrer Küchenschublade nach einem Feuerzeug, zündete das Papier an und ließ es im Spülbecken verbrennen. Ihre Nerven lagen ohnehin blank – sie konnte nicht dulden, dass etwas ihren Zweifel verstärken würde, nicht riskieren, dass jemand sie des Zweifelns verdächtigen könnte. Sie kniete sich zu ihrer Tochter hinab. »Meine Kleine, weißt du denn, was morgen für ein Tag ist?« Schwermut legte sich im Gesicht des Kindes nieder. »Deine Zeremonie.« »Genau. Morgen werde ich Teil des Metaversums.« Das Mädchen kämpfte mit den Tränen – vergeblich. »Du musst dich von meinem Körper verabschieden. Er ist nur eine Hülle. Nur ein vorübergehendes Gefäß.« Sie kniete sich hinab, nahm die zarte Hand ihrer Tochter und legte sie auf ihren Kopf. »Wichtig ist, was hier oben drin ist.« Das Kind sah sie fragend an. »Meine Seele. Meine Erinnerungen. Meine Persönlichkeit. Ich werde digitalisiert. Ab morgen bin ich unsterblich. Und auch du wirst es eines Tages sein. Also weine nicht, Schätzchen.« Sie umarmten sich. Das Mädchen zitterte heftig. »Ich gehe nicht, ich komme nur in anderer Form wieder. Das ist kein Abschied, nur ein neuer Abschnitt.« Die Flamme im Spülbecken war erloschen. Sie öffnete den Wasserhahn und spülte die übrig gebliebene Asche hinab in den Abgrund.
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Über ihren Köpfen reckte sich die kegelförmige Kathedrale in die Höhe. Sie mündete in einer gläsernen Spitze, welche die Mittagssonne zu einem Strahl bündelte, der einen runden Marmoraltar ausleuchtete. Rundherum hatten sie sich zu Hunderten versammelt. Blaue Lichter regneten in geradlinigen Bahnen an den Wänden herab. Eine blecherne Stimme erfüllte den Raum und hallte aus allen Himmelsrichtungen wider. »Liebe Reisende, begrüßen Sie die Erste Priesterin der Global Alliance: Midnight Phoenix.« Ein Hologramm flackerte über dem Altar auf: eine Fusion aus Sonnenstrahlen, LEDs und einem menschlichen Avatar. Die Priesterin hatte lange Haare, die noch grauer als die Betonwände der Kathedrale erschienen, und Augen im kühlsten Blau, das man sich erdenken konnte. Sie trug ein voluminöses Gewand aus indigofarbener Seide, das in Wellen an ihrem Körper herabfiel und sich zugleich wie ein Tsunami um ihre Schultern herum aufstellte. Die Menge jubelte. »Seid gegrüßt liebe Reisende!« Sie hielt inne, bis ihr Publikum zur Ruhe kam. »Ich gratuliere Ihnen. Sie alle haben Ihr fünfzigstes Lebensjahr erreicht, die erdgebundene Phase Ihres Lebens überstanden. Nun sind Sie bereit für Ihr eigenes goldenes Zeitalter. Sie sind bereit, Ihr sterbliches Fleisch zu verlassen und gänzlich in das Metaversum einzutauchen, eins mit ihm zu werden. Sie lassen Ihre porösen Knochen und schwachen Muskeln hinter sich und werden Ihren Geist unverwundbar machen. Ihre Einzigartigkeit werden Sie verewigen, in einer glorreichen Form, die Sie sich nach all den Jahren als Erdenwesen verdient haben.« Erneut brach Jubel aus, der wieder abebbte, alsbald die Priesterin ihre Arme hob. »Ich segne ihre sterblichen Körper für die letzte Reise. Möge ihre Seele in das Metaversum einziehen und eins mit ihm werden: in aller Ewigkeit – für alle Ewigkeit.« Die Gemeinde wiederholte das Mantra im Chor: »In aller Ewigkeit – für alle Ewigkeit.« Das Hologramm verblasste und die gewaltigen Portale rings um die Kathedrale herum öffneten sich zischend. Sie würden nun hindurch schreiten, in eine neue Welt.
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Es ist kalt. Kaltweiß. Stahlwände. Weiße Fließen. Sie ist benebelt. Alles dreht sich, ihre Welt zu Schneckenhäusern verdrillt. Ein metallischer Geschmack liegt auf ihrer Zunge. Geronnenes Blut schwängert die Luft. Barfuß. Nackt. Sie tapst den anderen hinterher, andere tapsen ihr hinterher. Eins, zwei, drei, reihum wird eine Kammer frei. Sie ist an der Reihe. Jetzt erscheint ihr all das falsch, all das, wofür man sie ein Leben lang konditioniert hatte, woran sie ein Leben lang geglaubt hatte. Sie weiß es. Ihre Instinkte lügen nicht, ihr Unterbewusstsein hat all die Hinweise gesammelt und zu einem grausamen Bild zusammengefügt. Schmerzlos hatten sie gesagt.
Den Körper zurücklassen. Den Geist in das Metaversum eintauchen lassen.
Sie tritt in die Kammer, erschrickt vor dem kühlen Metall unter ihren Füßen. Eine Träne kullert ihre Wange hinab, als sich die Türen vor ihr schließen. Ein Blitz zerreißt ihre Welt, lässt einen letzten Schmerz durch ihren Körper schießen. Ein Sägeblatt durchtrennt die Kehle ihrer sterblichen Überreste. Dann ist es endlich vorüber.
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Im Metaversum sind wir alle eins. Und so wird eine Stimme im Hintergrund meiner Synapsen laut: »Mister Redford, wir erneuern Ihre Organoide. Sie bekommen nur die besten Gehirnzellen – heute Morgen frisch entnommen.«